Sich für alles verantwortlich fühlen – Wenn deine Aufmerksamkeit mehr bei anderen als bei dir selbst ist
Du bemerkst, dass es jemandem nicht gut geht, und schon beginnt etwas in dir mitzudenken. Was könnte helfen? Was müsste geklärt werden? Wo kannst du unterstützen?
Oft braucht es dafür nicht einmal eine Bitte. Die Aufmerksamkeit ist bereits beim anderen, bei seinem Problem oder seiner Stimmung. Fast selbstverständlich beginnst du nach Lösungen zu suchen oder darüber nachzudenken, was du tun könntest, bevor du überhaupt um Hilfe gefragt wirst.
Wenn deine Aufmerksamkeit so selbstverständlich zu anderen wandert, kann eine andere Frage aus dem Blickfeld geraten: Was brauche ich eigentlich selbst?
Heute Morgen zeigte sich mir vor diesem Hintergrund ein Bild.
Ich sah in das glasklare Wasser eines Schwimmbeckens. So klar, dass ich bis auf den helltürkis gefliesten Grund sehen konnte. Wie selbstverständlich tauchte ich ein und schwamm zum Beckenboden hin. Während ich mit den Händen seine kühlen Kacheln abtastete, als würde ich nach etwas suchen, kam mir plötzlich ein einziges Wort in den Sinn:
Trocken.
Im ersten Moment wirkte das widersprüchlich. Ich war von Wasser umgeben und gleichzeitig erschien das Wort trocken.
Während ich das Bild weiter betrachtete, blieb meine Aufmerksamkeit vor allem bei meinen Händen. Ich hatte den Boden nicht einfach erreicht. Ich tastete die kühlen Kacheln ab, als würde ich dort etwas suchen.
Unter meinen Händen lag ein von Menschen gestalteter, klar begrenzter, fester Boden. Doch keine Erde.
Erst dadurch bekam das Wort trocken für mich eine weitere Bedeutung. Vielleicht ging es in diesem Bild weniger um das Wasser als um die fehlende Verbindung zu dem, was darunter lag – zum eigenen Grund, den eigenen Wurzeln und unserer inneren Quelle.
Die Kacheln unter meinen Händen versprachen dennoch Halt. Und darin entdeckte ich eine weitere Ebene des Bildes: Auch Fürsorge, Verantwortung und das Gefühl, gebraucht zu werden, können über lange Zeit Halt geben. Sie können mitbestimmen, wie wir unseren Platz in Beziehungen und in der Gemeinschaft erfahren.
Doch dieser Halt ist nicht dasselbe wie der eigene Grund.
Dabei geht es nicht nur darum, weniger Verantwortung für andere zu übernehmen. Interessant wird, was geschieht, wenn Fürsorge und Verantwortung für andere über lange Zeit mit dem eigenen Stellenwert in der Gemeinschaft verbunden waren und wir beginnen, diese Verantwortung zurückzugeben.
Es kann zunächst ungewohnt sein, die eigene Aufmerksamkeit nicht sofort auf das zu richten, was andere brauchen, fühlen oder von uns erwarten. Und möglicherweise zeigt sich dann, dass wir ziemlich genau wissen, was bei anderen los ist, während die eigenen Bedürfnisse weniger selbstverständlich zugänglich sind.
Was brauche ich eigentlich selbst? Was möchte ich? Was darf in meinem Leben wieder mehr Raum bekommen, wenn ich nicht mehr wie bisher funktioniere?
Wenn Fürsorge auch Zugehörigkeit bedeutet
In meinen Sitzungen begegnen mir immer wieder ähnliche Fragen:
Warum zerbreche ich mir den Kopf über die Probleme anderer Menschen, obwohl niemand mich um Hilfe gebeten hat?
Warum fühle ich mich so schnell für alles verantwortlich?
Weshalb fühle ich mich zuständig, die Stimmung meines Partners wie selbstverständlich mitzuregulieren?
Und warum fällt es mir so schwer, wirklich einmal nichts zu tun?
Hinter diesen Fragen kann mehr liegen als die Gewohnheit, sich um andere zu kümmern.
Für manche Menschen beginnt diese Verbindung schon früh. Sie erleben, dass ihre Aufmerksamkeit, ihre Hilfsbereitschaft oder ihre Fähigkeit, Spannungen wahrzunehmen und auf andere einzugehen, etwas bewirkt. Sie werden zu denjenigen, die mitdenken, vermitteln, auffangen oder Verantwortung übernehmen.
Fürsorge kann auf diese Weise mit Zugehörigkeit, Anerkennung und Sicherheit verbunden sein. Das bedeutet nicht, dass sie deshalb unecht oder eigennützig ist. Wir können einem Menschen aus tiefem Herzen helfen und gleichzeitig über diese Rolle etwas für uns selbst erfahren:
Ich werde gebraucht. Ich bin wichtig. Ich weiß, wo mein Platz ist.
Schwierig wird es, wenn diese Rolle so selbstverständlich geworden ist, dass unsere Aufmerksamkeit fast automatisch zu anderen wandert. Wir bemerken, was jemand braucht, wo ein Problem entstehen könnte oder wie wir helfen könnten – manchmal noch bevor der andere selbst aktiv geworden ist.
Die eigenen Bedürfnisse können dabei aus dem Blickfeld geraten. Nicht unbedingt, weil wir sie bewusst zurückstellen. Manchmal haben wir schlicht sehr viel Übung darin, die Aufmerksamkeit auf andere zu richten. Wenn niemand uns braucht, richtet sie sich deshalb nicht automatisch auf uns selbst. Es kann zunächst sogar ungewohnt sein, überhaupt wahrzunehmen, was wir selbst brauchen, wollen oder vermissen.
Auch die Frage, wie viel Nähe oder Distanz wir brauchen, um uns selbst zu spüren, kann dabei eine Rolle spielen.Darauf gehe ich im Beitrag „Emotionale Abgrenzung – Wann Distanz hilft und wann sie zur Vermeidung wird“ ausführlicher ein.
Zu dieser Rolle kann noch eine weitere Bewegung gehören, die nicht ganz so leicht zu erkennen ist. Wer eine starke Wahrnehmung besitzt und gewohnt ist, vorauszudenken und Verantwortung zu übernehmen, kann irgendwann davon ausgehen, auch besser zu wissen, was gebraucht wird.
Dann wird aus „Ich kann etwas beitragen“ unmerklich ein „Ich muss mich darum kümmern, sonst macht es keiner“. Darin kann auch eine Form der Selbstüberhöhung liegen. Wir schreiben uns eine Zuständigkeit zu, um die uns niemand gebeten hat, und nehmen dem anderen damit möglicherweise etwas ab, das eigentlich zu seiner eigenen Verantwortung gehört.
Gleichzeitig bestätigt diese Zuständigkeit die eigene Rolle: Wenn es ohne mich nicht geht, werde ich gebraucht. Ich habe einen sicheren Platz. Im Extrem kann daraus das Gefühl entstehen, unersetzlich zu sein.
Wenn ein wesentlicher Teil des eigenen Selbstwertgefühls daran gebunden ist, gebraucht zu werden, kann es verunsichern, wenn ein anderer Mensch zunehmend selbstständiger wird. Mitunter berührt seine Entwicklung sogar eine tiefer liegende Verlustangst.
Dann geht es nicht mehr nur um die Frage: Was geschieht mit meinem Platz, wenn dieser Mensch mich nicht mehr braucht? Auch die Beziehung selbst kann plötzlich weniger selbstverständlich erscheinen. Bleibt der andere mit mir verbunden, wenn er meine Fürsorge nicht mehr in derselben Weise benötigt?
Damit taucht eine noch grundsätzlichere Frage auf: Was trägt unsere Beziehung eigentlich? Beruht unsere Verbindung darauf, dass einer den anderen braucht? Oder kann sie sich verändern, wenn beide eigenständiger werden und einander freier begegnen?
Gerade darin kann die Entwicklung eines anderen etwas sehr Widersprüchliches auslösen. Ich kann aufrichtig wollen, dass dieser Mensch seinen eigenen Weg geht, selbstständiger wird und sich weiterentwickelt – und gleichzeitig kann ein Teil von mir Angst vor genau dieser Entwicklung haben. Denn sie verändert auch meine bisherige Rolle und möglicherweise die Form unserer Beziehung.
Diese gegenläufige Bewegung muss uns nicht bewusst sein. Sie kann sich gerade dort zeigen, wo Fürsorge selbstverständlich geworden ist: Wir greifen schneller ein, als es notwendig wäre, übernehmen Aufgaben, die der andere selbst bewältigen könnte, oder geben Ratschläge, bevor wir überhaupt danach gefragt wurden.
Was nach Unterstützung aussieht, kann dem anderen auf diese Weise auch Erfahrungen abnehmen, die er für seine eigene Entwicklung braucht. Wer Schwierigkeiten selbst löst, Entscheidungen trifft und mit den Folgen dieser Entscheidungen umgeht, erfährt dabei auch etwas über die eigenen Fähigkeiten.
Wenn es für meine eigene Sicherheit wichtig ist, gebraucht zu werden, kann es schwerfallen, dem anderen zuzutrauen, diese Erfahrungen selbst zu machen. Dann kann Fürsorge – ohne dass dies beabsichtigt sein muss – dazu beitragen, bestehende Abhängigkeiten aufrechtzuerhalten.
Die unangenehme Frage lautet deshalb nicht nur: Helfe ich diesem Menschen?
Sondern auch: Traue ich ihm zu, seinen eigenen Weg zu gehen, selbst wenn er mich dadurch weniger braucht?
Wenn die vertraute Rolle nicht mehr trägt
Es klingt zunächst naheliegend: Wenn du weniger Verantwortung für andere übernimmst, müsste mehr Kraft für dein eigenes Leben übrig bleiben.
So einfach ist diese Bewegung jedoch nicht immer.
Denn mit der Verantwortung fällt möglicherweise auch etwas weg, das lange Orientierung gegeben hat. Du wusstest, wann du gebraucht wirst, worauf du achten musst und was zu tun ist. Die Rolle der Fürsorgenden konnte anstrengend sein und gleichzeitig Halt geben.
Wenn sie nicht mehr in derselben Weise trägt, entsteht deshalb nicht automatisch Freiheit. Stattdessen kann zunächst eine innere Leere spürbar werden. Die Aufmerksamkeit, die so selbstverständlich bei anderen war, findet nicht unmittelbar einen neuen Bezugspunkt.
Und plötzlich steht eine ganz einfache Frage im Raum: Was mache ich jetzt mit mir – und mit dieser Leere?
An dieser Stelle bekommt für mich die Suche am Grund des Schwimmbeckens noch einmal eine andere Bedeutung. Dort war zunächst nur die Wahrnehmung: Unter meinen Händen ist ein fester Boden, doch die Verbindung zur Erde, zu den eigenen Wurzeln fehlt.
Doch übertragen auf das eigene Leben wird daraus nach und nach eine größere Frage: Worauf gründet sich mein Leben, wenn meine Aufgabe für andere nicht mehr so selbstverständlich bestimmt, wer ich bin und welchen Platz ich einnehme?
Darauf muss nicht sofort eine Antwort entstehen. Denn der eigene Grund zeigt sich nicht zwangsläufig in dem Moment, in dem der vertraute Halt wegfällt.
Wenn aus der Leere sofort etwas Neues entstehen soll
Innere Leere ist nicht unbedingt angenehm. Vor allem dann nicht, wenn wir gewohnt sind, dass es immer etwas zu tun, zu lösen oder für jemanden zu regeln gibt.
Entsteht dieser freie Raum, liegt es nahe, ihn möglichst schnell wieder zu füllen. Ein neues Projekt, neue Pläne, eine Aufgabe, die uns fordert, oder die nächste Veränderung, die wir in Angriff nehmen können. Auch die intensive Suche danach, was wir jetzt „wirklich wollen“, kann bereits Teil dieser Bewegung sein.
Von außen betrachtet sieht das möglicherweise nach Neuorientierung aus. Innerlich kann jedoch etwas sehr Vertrautes weiterlaufen: Ich brauche eine Aufgabe. Ich brauche ein Ziel. Ich brauche etwas, worauf ich meine Aufmerksamkeit richten kann.
Dann hat sich der Inhalt verändert, aber nicht unbedingt die innere Bewegung.
Gerade deshalb kann es sinnvoll sein, die Leere nicht vorschnell zu füllen. Nicht um darin zu verharren, sondern um überhaupt wahrnehmen zu können, was geschieht, wenn wir nicht sofort wieder eine neue Aufgabe aus ihr machen.
Vielleicht zeigt sich zunächst Unruhe. Der Impuls, etwas anzustoßen. Der Gedanke, die Zeit nicht sinnvoll zu nutzen. Oder das unangenehme Gefühl, gerade nichts beizutragen.
Darin wird noch einmal sichtbar, wie eng Aktivität, Gebrauchtwerden und das eigene Gefühl von Bedeutung miteinander verbunden sein können.
Bleibt dieser Raum eine Weile offen, kann allmählich deutlicher werden, was sich an dieser Leere eigentlich so ungewohnt anfühlt. Fehlt mir tatsächlich etwas in meinem Leben? Oder fehlt zunächst die vertraute Ausrichtung auf etwas, für das ich mich zuständig fühlen kann?
Diese Unterscheidung ist nicht immer sofort möglich. Denn wenn die Aufmerksamkeit lange auf andere Menschen und ihre Bedürfnisse ausgerichtet war, müssen die eigenen Wünsche und Impulse nicht plötzlich klar vor einem liegen, nur weil diese Ausrichtung nachlässt.
Dann können sehr einfache Fragen wieder wichtiger werden: Was brauche ich eigentlich? Was tut mir gut? Womit möchte ich meine Zeit verbringen? Was interessiert mich? Worauf habe ich Lust?
Und auch: Was interessiert mich, obwohl es scheinbar keinen Nutzen hat?
Gerade diese Frage kann ungewohnt sein. Ein Interesse muss nicht zu einem Projekt werden. Aus einer Idee muss nichts entstehen, das sich verwerten oder vermarkten lässt. Wir dürfen etwas ausprobieren, lernen oder tun, ohne bereits zu wissen, wozu es einmal gut sein könnte.
Vielleicht macht gerade die Bedeutungsschwere, mit der wir unseren inneren Bewegungen begegnen, das Leben manchmal unnötig kompliziert. Kaum taucht ein neuer Impuls auf, suchen wir nach seinem tieferen Sinn oder fragen uns, was daraus werden soll.
Dabei darf ein kleiner Impuls zunächst einfach ein kleiner Impuls sein. Er muss weder sinnvoll noch lebensverändernd sein.
Vielleicht geht es zunächst darum, die eigenen Impulse überhaupt wieder wahrzunehmen. Zu bemerken, wohin es uns zieht, was unsere Neugier weckt oder worauf wir gerade Lust haben – und dieser Bewegung ein Stück zu folgen, ohne schon zu wissen, wohin sie führt.
So kann sich nach und nach etwas Eigenes zeigen, das nicht aus einer übernommenen Rolle oder einer vertrauten Vorstellung davon entsteht, wer wir sind und wie wir sein sollten, sondern aus dem, was uns tatsächlich entspricht.
Denn manches war die ganze Zeit da, hatte aber wenig Raum. Anderes entsteht tatsächlich erst, weil wir uns verändern.
Damit komme ich noch einmal zu dem Bild des Schwimmbeckens zurück.
Meine Hände suchten am Boden nach etwas und fanden glatte Kacheln. Einen festen Untergrund, der Halt versprach. Doch darunter lag die Erde.
Vielleicht liegt genau darin für mich die eigentliche Bedeutung dieses Bildes. Der eigene Grund ist nicht einfach das, was übrig bleibt, wenn alte Rollen wegfallen. Er zeigt sich auch in dem, was in uns wieder Raum bekommt, und in dem, was sich erst entwickeln kann, wenn wir der eigenen inneren Bewegung folgen.
Die Verbindung zu diesem Grund entsteht deshalb nicht durch eine neue Vorstellung davon, wer wir sein sollten. Sie wächst, indem wir wieder wahrnehmen, was uns bewegt, was uns interessiert und wohin es uns zieht.
Wenn wieder mehr vom eigenen Leben spürbar wird
Lebendigkeit zeigt sich dabei nicht unbedingt als mehr Energie oder Tatendrang.
Sie kann viel unscheinbarer beginnen: in einem Interesse, dem wir nachgehen, in einer Freude, die keinen besonderen Grund braucht, in dem Wunsch nach Ruhe oder Bewegung, im Bedürfnis nach Nähe oder danach, allein zu sein. Auch darin, etwas auszuprobieren und wieder sein zu lassen, wenn es uns nicht mehr interessiert.
Je weniger unsere Aufmerksamkeit selbstverständlich damit beschäftigt ist, was andere brauchen und was wir für sie tun könnten, desto mehr können wir wieder wahrnehmen, was im eigenen Leben geschieht.
Das bedeutet nicht, dass Fürsorge und Verantwortung verschwinden. Die Frage ist vielmehr, ob wir uns aus freier Entscheidung einem anderen Menschen zuwenden – oder ob wir diese Zuständigkeit brauchen, um uns selbst sicher, wichtig oder zugehörig zu fühlen.
Wir können wieder neugieriger darauf werden, was sich im eigenen Leben zeigt. Und mit der Zeit lernen, unmittelbarer und freier darauf zu antworten – ohne all die Erwartungen und Konzepte davon, wer wir sein sollten und wie unser Leben sein müsste.
Dieser Beitrag ist Teil meiner Texte zur aktuellen Zeitqualität. Auf der Übersichtsseite „Aktuelle Zeitqualität – Orientierung in bewegten Zeiten“ findest du weitere Beobachtungen und Einordnungen zu den unterschiedlichen Bewegungen, die ich im kollektiven Feld wahrnehme.
Wenn du bemerkst, dass du wie selbstverständlich noch in vertraute Rollen und Verantwortlichkeiten zurückkehrst, kann dich das HerzWellen-Set Alte Muster loslassen dabei begleiten, diese Bewegungen bewusster wahrzunehmen und dich leichter aus ihnen zu lösen.